Englischer Sommer

Cornwall, 11. bis 24. Juni 2005

Am Freitag kommen wir an. Zu Mittag haben wir uns, aus verschiedenen Richtungen kommend, in London Paddington getroffen und sind mit dem Zug nach Falmouth gereist. Wir sind zu dritt, Gerhard, Michael und ich. Wir nehmen ein Zimmer im Oasis-Guest-House, trinken Bier am Hafen und schauen hinaus auf die unzähligen Boote, die vor Falmouth liegen.

Samstag, 11. Juni

Am frühen Nachmittag fahren wir zur Marina, die am Penryn-River liegt, und übernehmen unsere Yacht. Sie heißt Pollyanna und ist 34 Fuß lang, eine Ericson, gebaut von der Werft Pacific Seacraft an der Westküste der USA. Solche Schiffe sind in Europa selten anzutreffen.


Pollyanna

Man sieht Pollyanna sogleich an, dass sie nicht für Regatten gebaut ist: Ihr Bug springt weit vor, die Konstrukteure haben nicht im Sinn gehabt, auf maximal lange Wasserlinie zu bauen. Auch im Salon wurde vor allem an Gemütlichkeit gedacht, es gibt keinen eigenen Sitz am Kartentisch um die Sitz- und Liegefläche bei dem großen Tisch zu vergrößern. Der Navigator muss also mit dem Rücken zur Fahrtrichtung auf den Polstern der Salonkoje sitzen, eine Lösung, die bei schlechtem Wetter wenig nützlich ist.

Sonntag, 12. Juni

Wir laufen aus. Die Schwierigkeit beim Verlassen der Marina von Falmouth besteht darin, dass durch das Hafenbecken eine Schwelle geht. Laut Seekarte erhebt sie sich bei dem niedrigsten Wasserstand 1,80 Meter über den Wasserspiegel, ein unüberwindbarer Hügel aus Schlamm unter dem sich eine Öl-Leitung verbirgt. Das heißt, dass die Boote, die wie Pollyanna hinter der Schwelle liegen und 1,90 Meter Tiefgang haben, einen Wasserstand von gut vier Metern brauchen und den Hafen nur zwei Stunden vor oder nach Hochwasser verlassen können, an diesem Sonntag bis spätestens zehn Uhr. Ein Messstab in der Ausfahrt zeigt an, wie hoch das Wasser über der Schwelle steht.
Wir schaffen es knapp. Eine weitere Besonderheit der Schiffe aus den USA bereitet uns nämlich einiges Kopfzerbrechen: Das Ventil für das Kühlwasser der Maschine ist unter der Pantry angebracht, gleich neben den Ventilen der Spüle, die wir vorsorglich alle geschlossen haben. Auch Nick von der Charterfirma, der das Boot noch nie selbst gesegelt hat, muss erst einen Kollegen anrufen, ehe er weiß, warum die Maschine kein Kühlwasser bekommt. Doch dann, nachdem wir auch diese Hürde genommen haben und Pollyanna endlich aus ihrem Auspuff Kühlwasser spuckt, können wir ablegen und kommen gerade noch rechtzeitig an die Schwelle. Zwei Meter hoch steht das Wasser darüber, gerade noch um zehn Zentimeter mehr als wir benötigen.
Der Himmel ist blau, ein paar freundliche Cumulus-Wolken ziehen nach Osten, ein leichter Südwestwind streicht über die Bucht von Falmouth. Auf dem gegenüberliegenden Ufer, bei St. Mawes, segeln die Working Boats eine Regatta, alte Fischerboote mit Gaffelsegeln, die auch heute noch in den Austernbänken eingesetzt werden.
Wir segeln gemächlich nach Fowey. Der Südwestwind frischt auf, erreicht allmählich Stärke vier und springt dann bei Gribbin Head, unmittelbar vor der Einfahrt, auf Nordwest um. Im Hafen von Fowey ist an einem solchen strahlenden Sonntag alles in Bewegung und ein Boot der Hafenmeisterei geleitet den Einlaufenden sofort durch das Bojenfeld zu einem freien Platz. Danach lassen wir uns im Taxiboot in das Städtchen übersetzen. Es ist ein malerischer und verschlafener Platz, vor vielen hundert Jahren ein berüchtigtes Seeräubernest, in dem man heute vor allem an Touristen verdient.


Fowey

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