Dänemark im Mai

Dänische Südsee, 9. bis 18. Mai 2006

Heringswochen nennt man diese Zeit bei der Charterfirma: In der Vorsaison im Mai, zu einer Zeit, da es den meisten noch zu kalt ist, um in der Ostsee zu segeln, bekommt man Schiffe für zehn Tage zum Preis von einer Woche. Am 8. Mai übernehmen Heinz und ich in Schleswig die "Gemini", eine Etap 30i. Der Name klingt ein bisschen nach Vorabendserie im Fernsehen und dazu passt auch das schmucke Interieur mit den Schonbezügen auf den Polstern im Salon.

Dienstag, 9. Mai: Schleswig-Lindaunis

Strahlender Sonnenschein. Der Ostwind, Vorbote guten Wetters in dieser Gegend, jagt Schaumkronen über das Wasser der Schlei. Man zieht sich gerne eine Jacke über, wenn man den Steg betritt, der Frühling fühlt sich kühler an als im Süden.

Lindaunis
Heinz

Bevor wir auslaufen, schauen wir noch in Haithabu vorbei. Vor etwa tausend Jahren befand sich an dieser Stelle die größte Stadt der Wikinger, die angeblich in ihrer Zeit die größte Stadt des europäischen Nordens war. Ein Blick auf die Karte macht die Sachlage klar. Die Schlei, ein Meeresarm der Ostsee, schneidet bis tief ins Festland von Schleswig. Von dort sind es wenige Kilometer bis zum Fluss Eider, der in die Nordsee mündet. Die Stelle war ideal, um Waren zwischen Ost- und Nordsee zu verladen. Die Wikinger waren bekanntlich nicht nur Piraten, sondern auch Handelsleute. Ihre Verbindungen reichten von Russland und Konstantinopel bis an die Atlantikküste.

Seit geraumer Zeit werden die Überreste der Stadt ausgegraben und in einem Museum dokumentiert. Zum Teil wurden Schiffe und Häuser rekonstruiert. Man versteht, dass man sich an einer uralten Grenzlinie zum nördlichen Teil Europas befindet, über Jahrhunderte umkämpft, auch später in den Zeiten der großen dänischen Mauer, Danewerk genannt.

Am frühen Nachmittag brechen wir auf. Der Ostwind bläst immer noch mit fünf Windstärken. Es geht vorbei an einem Hochhaus aus den siebziger Jahren, das natürlich Wikingerturm heißt, dann weiter über die Kleine Breite in die Große Breite, Stellen, an denen sich die Schlei zu einem See verbreitert. Wir setzen Segel und kreuzen vor dem lebhaften Wind eine Weile auf, um das Schiff kennen zu lernen. Mit der Selbstwendefock ist das Kreuzen bequem, in den heftigen Böen neigt die "Gemini" jedoch dazu, nach Luv auszubrechen.

Lindaunis
Lindaunis, Hafen und Brücke

Den Abend verbringen wir in Lindaunis. Wir machen an einer Tonne fest und warten eine halbe Stunde auf das Öffnen der Brücke. Weit und breit kein anderes Boot, auch nicht, als die Brücke geöffnet wird. In dem kleinen Hafen am Lindauer Nis sind reichlich Plätze frei. (Nis sagen sie hier zu den kleinen Lagunen, die die Schlei säumen. Manchmal auch Noor.)

Mittwoch, 10. Mai: Lindaunis - Schleimünde

Wir frühstücken gemächlich, dann geht es zur nächsten Brücke, der bei Kappeln. Wir kommen genau rechtzeitig, bevor sie wieder geschlossen wird. Am Stadtpier legen wir vor der alten Fischfabrik noch einmal an, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Danach steuern wir Schleimünde an. Es gibt den Leuchtturm, eine lange Mole mit den alten Lotsenhäusern und dahinter einen kleinen Hafen. Daran schließt sich eine lange Düne, ein Vogelschutzgebiet geworden und für jede Art von Verkehr geschlossen, Fußgänger inklusive. Auf diese Art wurde die Verbindung von Schleimünde zum Festland unterbrochen. Der Platz ist nur mit dem Schiff zu erreichen. Von Zeit zu Zeit kommen Ausflugsdampfer vorbei, auch Fischer halten manchmal an der Landungsbrücke, ehe sie in die Ostsee auslaufen. Im Hafen haben ein paar Segler festgemacht. Ansonsten herrscht Stille, ein ganz besonderer Zauber. Eines der ehemaligen Lotsenhäuser ist ein Wirtshaus. Es heißt "Giftbude". Dort essen wir frischen Hering und trinken Bier. Wir kommen mit einem Einheimischen ins Gespräch, einem Freund des Wirts, und erfahren, dass zur Zeit der Dorsch nicht beißt. Vielleicht ist es zu warm, vielleicht liegt es am Mond - niemand weiß es. "Auch die mit de großen Kutter fangen nüchts", brummt er. Bald steigt der Wirt in sein Boot und fährt hinüber nach Kappeln. Wir sehen zu wie die Sonne über Scheswig Holstein in prächtigem Rot untergeht. Nach Einbruch der Dunkelheit sieht man im Osten in der Ferne das Leuchtfeuer von Vejsnaes Nakke auf der dänischen Insel Aerö.


Alleine in Schleimünde

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