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Türkischer Frühling

Fortsetzung 2

Dienstag, 1. Mai: Kalkan – Kas

Ganz im Sinne der Gemütlichkeit holen wir erst gegen Mittag den Anker auf. Wir haben angesichts der dicken Gulets mehr als vierzig Meter Kette ausgebracht, was möglicherweise ein bisschen größenwahnsinnig war. Auf jeden Fall vergeht einige Zeit, bis wir das Eisen an Bord haben, aus dem Hafen gleiten und einen Blick zurück auf die Moschee werfen.

Im Süden von Kalkan gibt es übrigens ein zweites Kap, das laut Seekarte ebenfalls  „Ince“ heißt. Laut Wörterbuch bedeutet „ince“ soviel wie „dünn“, „schlank“ oder auch „höflich“.   Es ist eine angenehme Vorstellung, zwischen lauter höflichen Kaps dahinzusegeln.

Der Wind aus Nordwest bis West frischt wieder programmgemäß auf und erreicht jetzt fünf Beaufort, wir setzen die Genua und segeln geruhsam die Küste entlang.  Gegen Mittag erreichen wir die Insel Heybeli und nehmen nun Kurs auf die Bucht von Buzak, einen langen Fjord westlich der Stadt Kas, in dem es seit kurzem eine neue Marina geben soll. Sie ist so neu, dass es auf Google Maps noch keine Spuren von ihr gibt, nicht einmal eine Andeutung, nicht einmal eine Baustelle. Doch hat sie bereits eine eigene Homepage und in mehreren  Hafenhandbüchern ist davon die Rede, dass sie im Jahr 2012 fertig gestellt sein soll.

Nun, die Marina gibt es tatsächlich, wie sich herausstellt, als wir das Leuchtfeuer im Norden des Fjords erreichen und die geschützte, nach Osten abgeknickte Ende des Fjords einlaufen. Als wir über Funk  Kontakt aufzunehmen versuchen, bekommen wir sogar eine Antwort. Eine Türkin begrüßt uns in gepflegtem Englisch, kurz danach hält ein Boot auf uns zu, zwei ganz in weiß gekleidete Männer empfangen uns mit einer Begeisterung, als hätten sie den ganzen Winter nur auf unsere Ankunft gewartet: „Welcome!“, und: „How are you?“.  Sie bringen uns zu unserem Liegeplatz und ziehen die Muringleine mit ihrem Boot stramm. Bei diesem Manöver merkt man, dass die Marina noch nicht allzu lange in Betrieb ist. Sie postierten das Boot genau so, dass nur wenig  Platz zum Drehen bleibt und die Muringleine und unsere Schraube sich unerquicklich nahe kommen. Doch bei so viel Hilfe ist am klügsten, die Maschine zu stoppen und sich wie die Queen Mary von den Weiß-Gekleideten an den Steg ziehen zu lassen.

Kas Marina

Die neue Marina

Inzwischen ist das Gewitter da, von dem in den Wetterberichten die Rede gewesen ist. In den Bergen, die hier mehr als 1000 Meter hoch aufragen, rollt nun unentwegt der Donner, dunklen Wolken haben sich über der Bucht von Buzak gesammelt. Dann fegen plötzlich heiße Böen die Hänge herab, so heiß, als hätte jemand einen Föhn aufgedreht. Plötzlich wird es jedoch windstill und man ist darauf gefasst, dass sich nun das Unwetter auf die Bucht stürzen wird. Doch es geschieht  - nichts, abgesehen von ein paar vereinzelten Regentropfen und dem Poltern des Donners in den Bergen, das sich langsam entfernt.

Von der neuen Marina geht man ungefähr zehn Minuten in die Stadt Kas und zum alten Hafen, in dem ebenfalls zahlreiche Gulets liegen. Unterwegs hören wir, dass es hier beides gibt: sowohl Hähne als auch einen Muezzin.

Im Wetterbericht ist die Rede von einem Tief über Zypern mit einem Trog, der bis Rhodos reicht. Wir scheinen also mitten drin zu sein, ohne jedoch bisher mehr als fünf Beaufort abgekriegt zu haben.

Mittwoch 2. Mai: Kas


Von dem Angebot der neuen Marina, zwei Nächte zu bleiben und nur eine zu bezahlen, machen wir gerne Gebrauch. Wir hatten nämlich für den dritten Tag unseres Törns einen Ruhetag mit Ausflug zu den Ausgrabungen bei Demre geplant, zum antiken Myra, der Stadt des heiligen Nikolaus, und zu den Ruinen von Andriake, einem lykischen Hafen, in dem der Apostel Paulus bei seiner Fahrt von Zypern nach Rom auf ein anderes Schiff umgestiegen sein soll.

Der Wagen, den wir am Vorabend organisiert haben, holt uns von der Marina ab. Über die Schnellstraße geht es hoch hinauf in die Berge, die Küste entlang, vorbei an verschlafenen Dörfern bis wir, je näher wir Demre kommen, die ersten Plantagen sehen. Erst sieht es aus wie Schnee, was da in der Sonne glänzt, doch sind riesige Plastikplanen, die allerlei Pflanzungen abdecken, Gemüse und Obst. Ganze Täler werden von diesen Planen überspannt.

Demre ist fest in russischer Hand. In der Umgebung der Ausgrabungen sind viele Läden nur  noch Kyrillisch beschriftet, die Währung, in der gehandelt wird, ist der US-Dollar. Schon das zaristische Russland hat vor mehr als hundert Jahren einen großen Teil der Ausgrabungen im antiken Myra bezahlt, ist doch Nikolaus von Myra der wichtigste Heilige der russischen Orthodoxie. Er galt übrigens auch als Schutzpatron der Seeleute, die ihn bei stürmischem Wetter um Hilfe angerufen haben.

andriake

Der Hafen von Andriake

Wir sehen uns alles an, was es da zu sehen gibt, das Amphitheater, die Felsengräber, die Kathedrale mit dem Sarkophag, vor dem Russinnen eine lange Schlange bilden, um den Stein küssen dürfen. Danach fahren wir weiter nach Andriake, dem Hafen des alten Myra, und stiefeln eine Weile zwischen den Überresten herum, die übrigens zuletzt von einem Team des Österreichischen Archäeologischen Instituts erforscht wurden.   Am besten erhalten ist die Ruine des alten Kornspeichers aus den Tagen des römischen Kaisers Hadrian.

Vor dem alten Hafen von Andriake liegt ein Pier, an dem neuerdings Gulets renoviert werden.

Donnerstag, 3. Mai: Kas – Finike

Mit feierlicher Unterstützung der weiß gekleideten Herrn legen wir ab. Es ist absolut windstill, der Himmel ist diesig.

Wir passieren die Insel Kastellorizo, die zu Griechenland gehört. Zwischen den verschiedenen kleineren Inseln zwischen Kastellorizo und dem türkischen Festland treiben sich ein paar Tauchboote herum. Dort hat man den Nachbau des Wracks eines Schiffes versenkt, das vor mehr als 3000 Jahren, in der späten Bronzezeit, an den Felsen bei Kap Uluburun zerschellt ist. Das Original ist gehoben und in Bodrum im Museum zu sehen.  

An diesem Tag bleibt der Wind so schwach, dass an Segeln nicht zu denken ist. Entlang der Insel Kekova geht es unter Maschine nach Nordosten und als wir dann die Halbinsel Güvercin runden wird der Himmel schwarz. In strömendem Regen begleitet von Blitz und Donner, eingepackt ins Ölzeug machen wir Finike unsere Aufwartung. 

Auch hier kommt uns ein Hafenlotse entgegen und hilft uns, die Muring zu übernehmen. Nur ist er um einiges routinierter als die weißen Herrn von Kas, dafür aber auch nicht weiß gekleidet und auch nicht ganz so freundlich, was vielleicht auch am Regen liegen kann, der auf das Hafenbecken niederprasselt.

Finike

Finike, der östliche Wendepunkt

Finike liegt bereits außerhalb der üblichen Routen der Charterboote. Hier überwintern viele Eigner, an vielen Booten sieht man die Auswirkungen der bastlerischen Fähigkeiten des Besitzers, es gibt einen eigenen Treffpunkt am Hafen, genannt „Porthole“ mit Kaffeekränzchen und Pilatesstunden.  Und der Hafenmeister verwendet viel Mühe darauf, unser Schiff zu registrieren, alle Dokumente, Seebrief, Transitlog, Versicherungspolizzen, Reisepaß, zu fotokopieren. Die Atmosphäre im Hafenbüro hat den Charme eine Polizeiwachstube. Vielleicht liegt das auch daran, dass man hier schon deutlich weiter im Osten ist. Zypern ist gerade einmal 130 Seemeilen entfernt, also in einem Schlag zu erreichen.

Das Abendessen in einem einfachen türkischen Lokal am Hafen ist jedoch ausgezeichnet.

Freitag, 4.Mai: Finike – Ucagiz

Wir verlassen Finike erst am frühen Nachmittag. Den Vormittag verbrachten wir am lokalen Markt, um Gemüse und Obst zu kaufen. Ein britischer Segler zeigte uns den Weg. Alle, die hier im Hafen liegen, scheinen irgendwie zusammenzugehören.

Es ist sonnig, ein paar Schönwetterwolken ziehen über den Himmel, hin und wieder kommt ein leichter Lufthauch aus Süden. An Segeln ist nicht zu denken.

Bald haben wir wieder das Ende der Halbinsel Güvercin erreicht und gehen nun auf westlichen Kurs. Die Rückreise hat begonnen. Knapp drei Stunden brauchen wir bis zur Ostspitze der Insel Kekova. Dieses Mal halten wir uns an das schmale Fahrwasser nördlich der Insel. Zwischen den bewaldeten Felshängen am Festland treiben tiefen Wolkenbänke; da und dort ankert ein Gulet. Hinter uns, keine zwei Seemeilen entfernt,  muss die Einfahrt zum alten Hafen von Andriake liegen, versteckt hinter einem Hügel.

Bald ist die Silhouette der Burg von Simena zu sehen, danach geht es zwischen ein paar kahlen Felsinseln in die Lagune von Ucagiz, einem bezaubernden Platz mit ruhigem, türkisfarbenem Wasser. Wir machen am Yachtsteg längsseits fest, direkt gegenüber der Moschee.

Abends müssen wir natürlich bei dem berühmten Hassan essen, der auf seinem Lokal ein Schild angebracht hat: bester Koch vom Mittelmeer.  Gemeinsam mit Frau und Kindern betreibt er das Lokal seit dreißig Jahren, einfache türkische Küche, so ziemlich das Beste, was man sich vorstellen kann. Später setzt er sich zu uns und wir plaudern lange in den Abend hinein.

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